Tag nach dem Viertelfinale

 

Tag nach dem Viertelfinale. Deutschland verliert unverdient in der Verlängerung 1:2. Toni Kroos findet in der Kabine wichtige Worte: Nicht die sportliche Leistung gewinnt Spiele, sondern der Glaube daran, diese gewinnen zu können. Ich denke, da ist viel Wahres dran. Wer daran glaubt, in dieser Welt seine Ziele verwirklichen zu können, mit einem positiven Mindset auf Menschen und Situationen zuzugeht, der wird höchstwahrscheinlich ein glückliches Leben führen.
Früher konnte ich das. Heute fällt es mir sehr schwer. Der Glaube, das Spiel „Leben“ noch gewinnen zu können, ist so gut wie weg.

Das Natriumnitrit liegt laut Sendungsverfolgung angeblich in irgendeiner Zustellbasis in der Nähe und hätte gestern zugestellt werden sollen. Stattdessen klingelte es um 16 Uhr einmal lang. Mit der Vorstellung im Kopf, drei Uniformierte vor mir stehen zu sehen die nochmal ganz genau nachfragen, ob es mir auch wirklich gut geht, öffne ich nicht die Tür. Zum Glück klingelt es kein zweites Mal.
Im Januar habe ich die Chance, aus freien Stücken und zu eigenen Bedingungen zu gehen, vergeben. Es gibt keine Eile, das Natriumnitrit im Haus zu haben, ich muss mich sowieso noch um Antibrechmittel kümmern. Doch gäbe es mir Sicherheit, alles da zu haben, um im Ernstfall friedlich gehen zu können.

Über einen möglichen Ort habe ich mir viele Gedanken gemacht, bislang aber keine zufriedenstellende Lösung gefunden.

1.    Option 1: Zuhause. Ich müsste warten, bis Basti ein paar Tage weg ist und ihn dann mit Papierbotschaften im Flur davor warnen, die Wohnung zu betreten sowie die Rettungskräfte zu alarmieren. Ich denke nicht, dass er danach noch hier wohnen könnte.

2.    Option 2: Beuerhof. Nicht im Baumhaus, da das ein Alptraum für meinen Vater wäre.  Also draußen. Es steigt die Wahrscheinlichkeit, gefunden zu werden. Die Rettung würde vermutlich zu lange brauchen, um mich wiederzubeleben.

3.    Option 3: Hotel. Es besteht die Möglichkeit, dass ich gehört werde. Sollte das der Fall sein und sich jemand Sorgen machen, wäre die Rettung innerhalb von Minuten zur Stelle. Keine gute Option. Außerdem benötigen die bestimmt eine Kreditkarte.

Heute allerdings stelle ich mich gegen diese Pläne: Ich habe mir eine Schrittzählerapp installiert und mir vorgenommen, heute so viele Meter wie möglich zu machen. Alles, um den Schmerz in mir drin zu überwinden.

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Vom Versuch, zu leben - oder dem Gegenteil

Über den Willen, der Dunkelheit zu entfliehen

Ein weiterer Tag