Über den Willen, der Dunkelheit zu entfliehen

 

Regen. Auf die drückende Hitze der letzten Tage folgt nun eine Regen -und Gewitterfront. Die heimische Bank streikt, also fahre ich einen riesigen Umweg, um ein wenig Geld abzuheben. Als ich endlich beim Bäcker ankomme, bin ich klatschnass. Zufrieden mit meinem erworbenen Frühstück begebe ich mich in mein Zimmer.

Ich bemerke in den letzten Tagen, dass meine Emotionalität extrem gesteigert ist. Wenn ich schöne Dinge im Fernsehen sehe, kommen mir die Tränen, weil ich das Gefühl bekomme, vollkommen versagt zu haben. Ich werde niemals arbeiten, ich werde nie eine Familie gründen, ein großartiges Projekt verwirklichen und vielleicht auch nie wieder Liebe empfinden. Ich frage mich, ob mein rapides Absetzten der Antidepressiva damit zu tun hat, dass ich mich nun wieder so fühle.

WhatsApp-Nachrichten. Passiv aggressiv, immer vorwurfsvoll, niemals den direkten Kontakt suchend. So ist mein Mitbewohner. Wenn er nach Hause kommt, kann man förmlich die Welle an negativer Energie spüren, die die Wohnung überrollt. Das ist auch nicht schwer: Egal, in welchem Zimmer er sich gerade aufhält, es wird geflucht, geschimpft und Gott weiß, was für was auch immer verantwortlich macht. Ich kann das nicht mehr länger gebrauchen.  

Wenn ich nach der bestimmenden Motivation gefragt werde, mich umzubringen, so ist die klare Antwort: Angst. Schon immer hatte ich Angst, dieses „Erwachsen sein“ nicht zu schaffen. Irgendwie war diese Überzeugung von Anfang an in mich eingraviert. Heute ist es die Angst, in meinen 20ern alle großen Fehler gemacht zu haben, die man nur machen kann. 2015 war ich noch auf Einladung des Bundestags in Auschwitz als teil einer internationalen Jugendgruppe, die sich in ihren Heimatländern gegen Rassismus engagierten. Der ganzen Veranstaltung wohnte ein gewisser elitärer Charakter bei.
Nun sehe ich, wie ich mich 29, immer noch auf dem geistigen Stand von damals, aber stark verkümmert, wie das ganze Leben an mir vorbeigezogen ist. Freunde werden erwachsen und gründen Familien, verdienen Geld, während die nächste Generation schon in den Startlöchern steht. Es ist ein nie endender Kreislauf, in den ich einfach nicht hineinpasse, obwohl ich mir nichts sehnlicher wünsche. Ich habe Angst, das meine ohnehin schon fast ausweglose Situation sich noch verschlimmert, ich obdachlos oder krank werde und bis dahin die meiste Zeit in einem kleinen Zimmer verbracht habe. Ich bin allein und habe Angst, in ein paar Jahren noch alleiner zu sein. Ich habe Angst, und habe Angst, bald noch mehr Angst zu haben.

Der Wille, sich das eigene Leben zu nehmen, entsteht nicht einfach so. Die Saat mag früh gesät sein, doch erst, wenn man sich in eine (vermeintlich) ausweglose Situation manövriert hat. Es war nicht so, dass ich chancenlos war. In meinen 20ern gab es 2-3 Situationen, wo ich den Absprung noch hätte schaffen können. Ich habe alle verstreichen lassen bzw. mich soweit selbst sabotiert, dass es am Ende immer gleich ausging. Und bei jedem neuen Misserfolg starb ein wenig mehr von mir. Ich vernachlässigte meine Interessen, ging nicht mehr raus, Dinge, die mich einst begeisterten und Spaß brachten, schienen im besten Fall unattraktiv.

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