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Natriumnitrit und weitere Optionen

  Ein paar Tage später. Das Natriumnitrit ist angekommen und liegt sicher verpackt in meinem Zimmer. Das Einzige, was nun noch fehlen würde, ist Metoclopramid, ein verschreibungspflichtiges Antibrechmittel. Es gibt zwei Seiten in meinem Kopf. Die eine, die unbedingt leben will, sich an jeden noch so kleinen Strohhalm klammert und nach Lösungen sucht, während die andere Seite ihr zuflüstert: „Das schaffst du nie. Beende dein Leid“. Es ist schon immer so gewesen, solange ich denken kann. Da mein erster Versuch im Januar gescheitert ist, bekomme ich höchstens noch den zweiten, bevor ich für lange Zeit weggesperrt werde. Methoden wie sich vom Zug überrollen zu lassen sind mir zu brutal. Außerdem gibt es auch bei dieser Methode viele, die es überlebt haben. Stand jetzt: Ich bin wieder Benzodiazepin-abhängig. Es gab keine andere Möglichkeit, um meinen Alltag bewältigen zu können. Einkaufen, Bahnfahren, sich sozialisieren – all das habe ich verlernt. In die dritte Entgiftung i...

Tag nach dem Viertelfinale

  Tag nach dem Viertelfinale. Deutschland verliert unverdient in der Verlängerung 1:2. Toni Kroos findet in der Kabine wichtige Worte: Nicht die sportliche Leistung gewinnt Spiele, sondern der Glaube daran, diese gewinnen zu können. Ich denke, da ist viel Wahres dran. Wer daran glaubt, in dieser Welt seine Ziele verwirklichen zu können, mit einem positiven Mindset auf Menschen und Situationen zuzugeht, der wird höchstwahrscheinlich ein glückliches Leben führen. Früher konnte ich das. Heute fällt es mir sehr schwer. Der Glaube, das Spiel „Leben“ noch gewinnen zu können, ist so gut wie weg. Das Natriumnitrit liegt laut Sendungsverfolgung angeblich in irgendeiner Zustellbasis in der Nähe und hätte gestern zugestellt werden sollen. Stattdessen klingelte es um 16 Uhr einmal lang. Mit der Vorstellung im Kopf, drei Uniformierte vor mir stehen zu sehen die nochmal ganz genau nachfragen, ob es mir auch wirklich gut geht, öffne ich nicht die Tür. Zum Glück klingelt es kein zweites Mal. ...

Über den Willen, der Dunkelheit zu entfliehen

  Regen. Auf die drückende Hitze der letzten Tage folgt nun eine Regen -und Gewitterfront. Die heimische Bank streikt, also fahre ich einen riesigen Umweg, um ein wenig Geld abzuheben. Als ich endlich beim Bäcker ankomme, bin ich klatschnass. Zufrieden mit meinem erworbenen Frühstück begebe ich mich in mein Zimmer. Ich bemerke in den letzten Tagen, dass meine Emotionalität extrem gesteigert ist. Wenn ich schöne Dinge im Fernsehen sehe, kommen mir die Tränen, weil ich das Gefühl bekomme, vollkommen versagt zu haben. Ich werde niemals arbeiten, ich werde nie eine Familie gründen, ein großartiges Projekt verwirklichen und vielleicht auch nie wieder Liebe empfinden. Ich frage mich, ob mein rapides Absetzten der Antidepressiva damit zu tun hat, dass ich mich nun wieder so fühle. WhatsApp-Nachrichten. Passiv aggressiv, immer vorwurfsvoll, niemals den direkten Kontakt suchend. So ist mein Mitbewohner. Wenn er nach Hause kommt, kann man förmlich die Welle an negativer Energie spüren,...